Dienstag, 30. Oktober 2007

Der Mythos Rockefeller Teil 2 - "Standard Oil"



Im Jahre 1871 planten einige Raffineriebesitzer um Rockefeller die Gründung einer Allianz, damit man Transportrabatte von den Eisenbahnen durchsetzen kann. Man beabsichtigte die Eisenbahnen davon zu überzeugen, dass sie Mitbewerbern, die nicht Teil der Allianz sind, höhere Preise berechnen. Die Allianz wurde dadurch begründet, dass Rockefeller, über die Standard Oil Company, Hauptanteilseigner und Geschäftsführer einer bereits existierenden unbekannten Firma, mit dem nichtssagenden Namen South Improvement Company, wurde.
Die South Improvement Company gab sich gegenüber den Eisenbahngesellschaften als die Vertretung der Mehrheit der amerikanischen Ölgesellschaften aus. Tatsächlich vertrat sie nur etwa 10 % der Branche. Doch gelang es, die Eisenbahnen zu überzeugen und somit Transportrabatte für die Allianz und Preiserhöhungen für die Mitbewerber durchzusetzen.
Als Anfang 1872, versehentlich, die neuen Transportpreise frühzeitig veröffentlicht wurden und diese für Nichtmitglieder der Allianz doppelt so hoch waren wie die alten Preise, wehrten sich die anderen Ölgesellschaften. Die Ölförderer boykottierten die Standard Oil Company, die daraufhin ihre Raffinerien schloß. Ein Gericht untersagte das Anbieten von Rabatten seitens der Eisenbahngesellschaften. Der amerikanische Kongress verurteilte daraufhin diese Vorgehensweise.
Rockefeller, als einflussreicher Kunde, indes handelte nun seinerseits Rabatte aus und bekam sie unter strenger Geheimhaltung. Auch die Ölförderer mussten ihren Lieferboykott rasch aufgeben, da sie auf die Umsätze angewiesen waren. Und so ging Rockefeller als Sieger aus der Krise hervor. Er hatte seine Rabatte und erhielt wieder Öllieferungen.
Gegen Ende 1872 wurde die National Refiners Association gegründet, deren Vorsitz Rockefeller übernahm. Etwa 80 % aller amerikanischen Raffinerien wurden durch die Vereinigung vertreten. Als Gegenmaßnahme gründeten die Ölförderer die Petroleum Producer's Agency, die durch Förderbeschränkungen versuchte, die Rohölpreise hochzuhalten. Die National Refiners Association stimmte der Förderbeschränkung vorerst zu, nur um wenige Monate später der Petroleum Producer's Agency mit einem Totalboykott zu drohen, da diese angeblich ihre eigene Förderbeschränkung nicht einhielt. Viele kleinere Ölförderer fürchteten den Boykott, da sie hoch verschuldet waren, konnten sie sich diesen nicht leisten. So brach nur zehn Monate nach ihrer Gründung die Petroleum Producer's Agency auseinander.
Rockefeller reiste von 1875 bis 1878 durch Amerika und überzeugte die Eigentümer der 15 größten Raffinerien, ein Teil der Standard Oil zu werden. Mit kleineren Raffinerien wurde weniger zimperlich umgegangen. Sie wurden unter Druck gesetzt und verkauften zu 40 % des Verkehrswertes oder weniger. Die Betriebsstätte der widerstrebenden Vacuum Oil Company wurden durch eine, vorsätzlich herbeigeführte, Explosion zerstört. Der Täter gestand später, für die Sabotage bestochen worden zu sein.
Im Jahre 1879 wurden, aufgrund dieser Vorgänge, Rockefeller und einige seiner Direktoren von einem Gericht verurteilt. Allerdings wurde daraufhin ein Vergleich geschlossen. Aufgrund dieses Vergleichs, musste auf die Sonderpreise beim Transport verzichtet werden. Somit setzte man nun auf das Novum der Pipelines und die Standard Oil eignete sich, mittels der bewährten Methoden, praktisch alle Pipelines in den USA an. Um nun auch den Rest der Ölverwertungs- und Vermarktungskette unter Kontrolle zu bringen, wurde ein mächtiges Handelsnetz und ein Großhandel ausgebaut, der die Konkurrenz weitestgehend verdrängte.



Skandale und Monopol

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stiegen in der neu entstehenden Industrie zahlreiche sog. "robber barons" in die höchsten Spitzen der Wirtschaft auf. Dabei bedienten sie sich äußerst skrupelloser Methoden. Aktionäre wurden übervorteilt, Aktienkurse nach Belieben manipuliert, Politiker wurden in großem Stile bestochen, Konkurrenten mit zweifelhaften Mitteln ausgeschaltet.
Im Laufe dieses Prozesses entstanden in kurzer Zeit riesige Imperien, da es kaum Regularien für die Wirtschaft gab und im sprichwörtlichen "Wilden Westen" der skrupelloseste sich durchsetzte.
In vielen Branchen entstanden große Trusts, die immer größere Teile ihrer Branche beherrschten und monopolisierten, teilweise auch zu Lasten der Verbraucher.
Rockefeller und seine Partner bauten mit den erwähnten Methoden den ersten Riesenkonzern der USA auf und gerieten in das Kreuzfeuer der Kritik. "Wettbewerb ist eine Sünde.", sagte John D. Rockefeller einst. Daher war er bestrebt, so viel wie möglich zu kontrollieren. Seine Vision war die Vermeidung von Überschüssen und Preiskämpfen durch die Fusion aller Raffinerien in einer großen Organisation, d.h. die Monopolisierung der Branche.
Von linker und liberaler Seite wurde er von den sog. "Muckrackers" scharf angegriffen, mit Erfolg, denn das Reformklima zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte letztlich zur Auflösung des Standard Oil-Trusts (wie auch anderer Trusts). Am bekanntesten wurde Ida Tarbell, die mit ihrer History of the Standard Oil Company" zahlreiche Skandale offenlegte.



Der Standard Oil Trust

Im Jahre 1879 kontrollierte die Standard Oil schließlich 90 % der Raffineriekapazität in den USA. Bis 1881 besteht die Standard Oil aus einem Geflecht von ca. 40 Firmen, die 1882 schließlich im Standard Oil Trust als neue Rechtsform, mit 9 Treuhändern und 42 Hauptaktionären, vereinigt werden.
Im Jahre 1888 beginnt ein New Yorker Senator, den Trust zu untersuchen. Hinzu kommen Untersuchungen anderer Stellen, so dass der Druck zu groß wird. Es besteht die reale Gefahr, dass der Trust von einem Gericht zwangsaufgelöst wird. Rockefeller kommt dem zuvor, indem er den Trust selber auflöst. Er wandelt die Trust-Anteile in Einzelanteile an den Firmen des Trusts um. Da die Eigentümer der Anteile die Gleichen bleiben, bleibt auch die Macht des Monopols erhalten.
Der amerikanische Kongress verabschiedet 1890 ein Gesetz, dass unter anderem die Verschwörung zur Absicherungen von Monopolen und unzulässige Eingriffe in den Handel verbietet. Dieser Sherman Antitrust Act führt zu einer weiteren Umorganisation von Standard Oil. Es wird die Standard Oil Company Holding (New Jersey) gegründet. Diese Umorganisation reicht aus, um die Anwendung des Sherman Antitrust Act auf Standard Oil vorläufig zu verhindern.
DieStandard Oil beginnt mit dem internationalen Ausbau. Dies erfolgt in der Regel so, dass man mit bestehenden nationalen Ölhandelsgesellschaften gemeinsame Unternehmen (Joint Ventures) aufbaut. So gründet beispielsweise 1890 Standard Oil zusammen mit den Kaufleuten Franz Ernst Schütte und Wilhelm Anton Riedemann die Deutsch-Amerikanische Petroleum-Gesellschaft (DAPG). Im Jahre 1891 erfolgt zusammen mit dem Unternehmen Walter & Co. zu Venedig und der von Karl Wedekind gegründeten Carlo Wedekind & Co. die Gründung der Società Italo-Americana pel Petrolio (SIAP).
Die DAPG heisst ab 1950 in Deutschland Esso (nach den Initialen von Standard Oil, SO), SIAP wurde später als Esso Italiana bekannt.
Es brauchte einen mächtigen Gegner, um Standard Oil in die Knie zu zwingen. Dieser fand sich mit Präsident Theodore Roosevelt. Er hatte in seinem Wahlkampf versprochen, gegen Monopole vorzugehen, und er hielt sein Versprechen. 1906 eröffnete seine Regierung ein Verfahren gegen Standard Oil wegen des Verstoßes gegen den Sherman Antitrust Act. Im Jahre 1911 entscheidet das oberste Gericht der USA (der Supreme Court), dass Standard Oil gegen den Sherman Antitrust Act verstoßen hatte, und ordnet die Zerschlagung an, woraufhin der Shareholder Value ins Bodenlose sank. Durch überkreuzende Direktorenposten und Beteiligungen der Familienmitglieder und befreundeter Manager und Unternehmer konnte die Familie Rockefeller ihren Einfluß auf viele Nachfolgegesellschaften aufrechterhalten. Er verdiente an der nun einsetzenden Hausse nach vorsichtigen Schätzungen 200 Millionen Dollar (was 2001 etwa einem Wert von 200 Milliarden Dollar entsprach), denn die Erfindung des Automobils und der Erste Weltkrieg ließen den Bedarf an Öl in zuvor unvorstellbare Dimensionen steigen. Außerdem gewannen die Einzelkonzerne an der Börse bedeutend mehr an Wert, als die alte Trust-Organisation. Standard Oil spaltete sich in 35 einzelne Firmen.



William Rockefeller der Bankier und Wirtschaftsmagnat

Bei der Gründung von Standard Oil 1870 besass William Rockefeller einen 13% Anteil am Konzern. Er beteiligte sich nicht an folgenden Kapitalerhöhungen und verkaufte einige Aktien, so dass sich sein Anteil mit der Zeit auf 4% verringerte.
Er saß im Vorstand von 35 Gesellschaften und leitete von 1882 bis 1911 die Standard Oil of NY (Socony), aus der sich später der MOBIL OIL-Konzern entwickelte.
Nach der Auflösung des Standard Oil-Trusts, im Jahre 1911, zog sich William aus der Führung von Standard Oil-Gesellschaften zurück und verkaufte den Großteil seiner Anteile an seinen Bruder. Die hohen Gewinne investierte er in Eisenbahnen und Grundbesitz/Immobilien.
Sein zweiter geschäftlicher Schwerpunkt war die National City Bank, an der sich beteiligte. Gemeinsam mit der Familie Stillman, mit der dieser Rockefeller-Zweig mehrfach verschwägert war, kontrollierte William und sein Sohn William G. die Geschicke dieser größten Bank in New York, aus der sich später die heutige Citibank entwickelte. William Rockefeller gilt auch als ein Mitbegründer des Metallgiganten Amalgamated Copper.